Rückenschmerzen: falsche Diagnose und Therapie

„Rückenschmerzen werden oft übertherapiert, aber auch bagatellisiert“, weiß Schmerzexperte Andreas Schlager

Rückenschmerzen sind eine der häufigsten Schmerzursachen, warum Patienten ihren Arzt aufsuchen. „Häufig werden sie überdiagnostiziert und überbehandelt, andererseits bagatellisiert und unterbehandelt“, weiß Andreas Schlager, Leiter der Schmerzambulanz an der Innsbrucker Universitäts-Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin sowie Vorstandsmitglied der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG), anlässlich der elften Österreichischen Schmerzwochen der ÖSG.
„In den seltensten Fällen wird ein operativer Eingriff notwendig sein. Bei vielen Rückenschmerzen kann nach ärztlicher Untersuchung zunächst auf eine Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomographie (MRT) verzichtet werden.“
Der Verzicht auf Überdiagnostik und Überbehandlung bedeute keinesfalls, dass Rückenschmerzen nicht ernst genommen werden dürfen: Sie müssen frühzeitig und kompetent behandelt werden, um nicht chronisch zu werden.

Rückenschmerzen ernst nehmen

Rückenschmerzen können verschiedenste Ursachen haben, zum Beispiel Abnutzungserscheinungen im Bereich der Wirbelsäulengelenke oder der Bandscheibe, Osteoporose, in den seltensten Fällen aber auch Entzündungen oder Tumorerkrankungen.
„Treten Rückenschmerzen auf, so sollte in Rücksprache mit einem Arzt nach einer genauen Diagnose ein entsprechender Therapieplan erstellt werden“, empfiehlt Andreas Schlager. „Rückenschmerzen die plötzlich – vor allem nach Verletzungen – auftreten, sowie mit neurologischen Ausfällen bzw. deutlichen Begleitsymptomen in Verbindung stehen, sollten unverzüglich abgeklärt werden. Bei vielen Rückenschmerzen kann nach ärztlicher Untersuchung zunächst auf eine radiologische Abklärung verzichtet werden. Viel wichtiger sind in diesem Fall eine gute Erhebung des Krankheitsverlaufes der Krankheitsursache sowie eine umfassende klinische Untersuchung.“
Radiologische Untersuchungen sollten primär nur zur Ausschlussdiagnose bei Verdacht auf sehr schwerwiegende Ursachen für den Rückenschmerz durchgeführt werden. In diesen Fällen kann auch eine sofortige Operation oder spezifische Behandlung notwendig sein.

Physikalische Therapie und Heilgymnastik

Bestehen keine Hinweise auf eine Verletzung, Tumorerkrankung sowie auf neurologische Ausfälle oder Entzündung, sollte zunächst eine konsequente physikalische Therapie durchgeführt werden: spezielle Behandlungen bei Physiotherapeuten plus eine regelmäßige Heilgymnastik. Schlager: „Vor allem die Kräftigung der stabilisierenden Rückenmuskeln sowie der queren und schrägen Bauchmuskulatur sind wichtig um eine gute Stabilität und so eine Entlastung der Wirbelsäule und der Bandscheiben durch eine trainierte Muskulatur zu erlangen.“

Maßnahmen bei behandlungsresistenten Schmerzen

Sind die Schmerzen behandlungsresistent oder liegen spezielle Begleiterkrankungen oder Ausfallerscheinungen vor, ist eine sofortige radiologische Untersuchung, sowie fachärztliche Untersuchung durchzuführen. Schlager: „In den vielen Fällen ist hier eine MRT sinnvoll. Bestätigt sich diese Diagnose, wird in einigen Fällen eine Operation notwendig sein. In anderen Fällen kann durch spezielle Verfahren wie Infiltrationen im Bereich der Nervenwurzel sowie der Wirbelgelenke oder auch konsequente physikalische therapeutische Maßnahmen und eine gute und ausreichende medikamentöse Schmerztherapie zu einer Beschwerdelinderung führen.“
Auch nach einem chirurgischen Eingriff sollte, sobald dies vom Operateur gestattet wird, eine physikalische Therapie durchgeführt werden. Möglichst bald sollte auch die Rücken- und Bauchmuskulatur trainiert werden um eine nochmalige Schädigung von Wirbelsäulensegmenten zu vermeiden. Auch diese Therapie muss unter Kontrolle ausgebildeten Physiotherapeuten und in späterer Folge auch als Heilgymnastik zuhause durchgeführt werden, so Schlager.

Schmerzmittel nicht unkontrolliert einnehmen

„Wurden Patienten medikamentös mit Schmerzmittel eingestellt, so sollten diese nach Möglichkeit nicht über mehrere Monate ohne Kontrolle eingenommen werden. Es ist anzuraten, regelmäßig die weiteren Notwendigkeiten dieser Schmerzmittel zu kontrollieren“, empfiehlt der Schmerzspezialist und rät von Selbstmedikation ab. Zahlreiche Schmerzmittel – dazu zählen auch viele Produkte die nicht rezeptpflichtig sind – können zu starken Nebenwirkungen und auch bleibenden Schäden führen. Eine Einnahme von Schmerzmittel sollte daher immer von einem Arzt entsprechend abgeklärt, verordnet und in weiteren Folgen kontrolliert werden.“

Regelmäßiges Training kann Rückenschmerzen vorbeugen

Um Beschwerden und Schmerzen im Bereich der Wirbelsäule vorzubeugen, ist ein regelmäßiges Training sinnvoll, in dem vor allem die kleinen Rückenmuskulatur als auch die quere und schräge Bauchmuskulatur und der Beckenboden trainiert werden.
Diese Übungen sollten bereits in jungen Jahren und nicht erst bei Auftreten der ersten Beschwerden regelmäßig durchgeführt werden. Weiters sind Haltungstraining sowie entsprechende Anpassungen im Bereich des Arbeitsplatzes und eine Vermeidung von Fehl- und Überbelastungen wichtige Bausteine zum Erhalt einer gesunden Wirbelsäule.
(red, derStandard.at)